Versumpft in der Masai Mara (Teil 2): Hakuna Matata

Wer den ersten Teil des Beitrags gelesen hat, weiß, dass wir uns auf den Spuren eines Geparden befanden. Wie schnell klar wurde, witterte dieser ein frisch geborenes Junges einer Topi-Antilope. Hinter seiner Mutter her stolpernd, kreuzte es den Weg unseres Geländewagens. Die Topi-Mutter erspähte ihre auf einer offenen Fläche grasende Herde. Unser Fahrer meinte es nun besonders gut mit uns und wollte die bisherigen Erlebnisse noch mit einer Jagdszene krönen, vermutete er den Geparden im hohen Gras in Lauerstellung. Und tatsächlich konnten wir ihn nach ein paar Augenblicken auch erkennen.

Der Kreislauf der Natur

Und nun überschlugen sich die Ereignisse: Es ging alles so schnell, dass mein Versuch eines Kamera-Mitziehers kläglich scheiterte. Eindrucksvoll bewies der Gepard, dass er das schnellste Landtier der Welt ist und erbeutete zu unserem Entsetzen das schwächste Mitglied der Topi-Herde: Das frisch geborene Topi-Kälbchen. Es hatte nur wenige Stunden gelebt.

Mittlerweile spielte sich die Szenerie wieder in kürzerer Entfernung zu uns ab und unser Fahrer wollte noch näher dorthin fahren. Den natürlichen Kreislauf der Natur zu spüren und als Foto festzuhalten ist sicherlich ein Hauptgrund, der mich zu solchen Reisen antreibt – doch nun den Verzehr des kleinen, wenige Stunden alten Topi-Kälbchens fotografieren? Wir kamen gar nicht dazu, zu besprechen, ob wir das wirklich sehen wollten, da rotierte plötzlich der ganze Land Cruiser einmal im Kreis und die Reifen drehten durch. Wir befanden uns auf einer Wiese, die komplett unter Wasser stand – eine unscheinbare sumpfige Fläche, die als solche zunächst gar nicht zu erkennen gewesen war. Unser Fahrer versuchte noch, den letzten Schwung der Bewegung auszunutzen, doch die Reifen fanden keinen Grip mehr.

Sumpf-Drama: Warten auf die Bergung

Es war nun 8 Uhr und wir befanden und gerade mal zwei Stunden im Masai Mara National Reserve. Kleines Zwischenfazit: Wir hatten bisher Leoparden gesehen; einen Geparden, der uns Postkartenmotive bescherte; eine Jagdszene auf eine frisch geborene Antilope – und nun waren wir auch noch versumpft.

Immer wieder startete unser Fahrer neue Versuche, die Reifen irgendwie zum Fahren zu bewegen. Doch mit jedem Versuch gruben sie sich tiefer in den Schlamm der Wildnis. Wir schlossen das geöffnete Dach, durch das faustgroße Schlammbrocken ins Auto geschleudert wurden. Stillstand.

Wie wir beim Blick aus den verdreckten Fenstern erkennen konnten, sammelten sich um den fressenden Geparden immer mehr Safari-Fahrzeuge – dort drüben in nur 100 Meter Entfernung schien der Untergrund trocken und befahrbar.

Neben dem Geparden waren wir mittlerweile selbst zur morgendlichen Foto-Attraktion geworden, denn sämtliche Bergungsversuche scheiterten. Diverse Fahrzeuge versuchten, in unsere Nähe zu gelangen und drehten wieder ab. Andere kamen auf 30 Meter heran und versuchten uns mit Spanngurten und Seilen abzuschleppen – vergeblich. Manche hatten selbst Mühe, wieder aus dem Sumpf zu kommen, aber sie schafften es.

Die Hitze in der Masai Mara stieg

So verging die erste Stunde auf der Sumpfwiese, eingeschlossen in einem 4×4, dessen Radstand eigentlich sehr hoch war. Doch mit jedem Fahrversuch sank er weiter in den Sumpf, bis er sich schließlich bis zum Trittbrett eingegraben hatte. Aussteigen durften wir nicht, weil ja der Gepard noch in der Nähe war, und mittlerweile bruzzelte die afrikanische Morgensonne immer stärker auf das Dach des geschlossenen Fahrzeugs. Es war 9:30 Uhr. Andere Fahrzeuge drehten ab, denn durch den Funk wurde mittlerweile vor dem Befahren des Gebietes gewarnt. Irgendwann saßen wir im brütend heißen Fahrzeug alleine auf unserer Sumpfwiese.

10:30 Uhr – wieder war eine Stunde vergangen. Das Funkgerät funktionierte glücklicherweise noch und nach einem Funkkontakt schürten wir neue Hoffnung auf Bergung. Sie wuchs, als sich kurze Zeit ein Traktorgespann näherte. Auf dem Anhänger befanden sich zusammengefaltete Ballons. Mit dem Traktor sollte es doch kein Problem sein, uns abzuschleppen?

Zu unserer Verwunderung wurde der Anhänger beim Abschleppversuch nicht abgekuppelt. Wieder wurden Gurte um unsere Kupplung gespannt, der Traktor fuhr an, unser Fahrzeug ruckelte kurz und es passierte … nichts. Wir bewegten uns nicht einen Zentimeter. Es war nun 11 Uhr und das Drama spitzte sich zu: Der Traktor wollte wenden und uns von einer anderen Position abschleppen. Seine Reifen drehten durch, wieder und wieder. Schließlich steckte auch er fest – unsere Hoffnung auf Bergung versank erneut im Sumpf.

Hakuna Matata

12 Uhr mittags, Leoparden, Geparden, unzählige Bergungsversuche, brütende Hitze und seit vier Stunden gefangen im Allrad – ein Wechselbad der Gefühle. Nun war die Zeit reif, neuen Mut zu schöpfen. Das Singen in einer solchen Situationen ist ein psychologischer Anker. Smartphone raus: „Hakuna Matata“. Das Erdmännchen Timon und das Warzenschwein Pumbaa bringen in dem Lied dem jungen Löwen Simba bei, seine Vergangenheit und schmerzhafte Erinnerungen hinter sich zu lassen. Anstatt sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die man nicht ändern kann, soll man das Leben im Hier und Jetzt genießen. Mit diesem Motto erledigen sich die Probleme von selbst.

12:45 Uhr – wieder Funkkontakt. Ein noch größerer Traktor rollte an. Ohne Anhänger. Spanngurte spannen, der Traktor zieht an … und Sekunden später rauschten wir mit unserem Fahrzeug durch den Schwung fast in den mittlerweile stehenden Traktor hinein. Unser Fahrer, der wohl nicht mit einem erfolgreichen Versuch gerechnet hatte, riss gerade noch das Lenkrad zur Seite, so dass wir 30 cm neben dem Traktor zum stehen kamen, 50 Meter entfernt vom bisherigen Standort im Schlamm auf einer trockenen Wiese. Dem Traktor war es gelungen, uns zu bergen. Durch die Stille der afrikanischen Savanne hallte ein Jubel wie beim entscheidenden Treffer in der 119. Minute der Nachspielzeit.

Als wir gegen 13 Uhr weiterfuhren, konnten wir erst das Ausmaß aller Bergungsversuche erkennen. Wir hatten eine fußballfeldgroße Wiese in einen Acker umgepflügt.

Timon und Pumbaa hatten zunächst Recht mit ihrem Plädoyer für Gelassenheit. Zumindest zunächst, denn es war ja erst 13 Uhr und unser Safarierlebnis im Masai Mara National Reserve fand nur wenige Minuten später seine Fortsetzung: Versumpft in der Masai Mara: Ein Abenteuer endet (Teil 3)